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Weingut Balthasar Ress – Zurück in die Zukunft

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Knochentrockener und extrem lagerfähiger Riesling – das kommt dabei heraus, wenn sich Christian Ress und Dirk Würtz zusammentun. Auch an Orange Wine versucht sich das dynamische Team, mit Erfolg. Nebenher krempeln sie das Weingut Balthasar Ress ordentlich um – und leisten einen wichtigen Beitrag zur Zukunft des Rheingau.

Rheingau: Das sind ca. 3500 Hektare Reben, die sich, grob gesagt, zwischen Rhein und Taunushöhen erstrecken. Das Klima ist mild, die Weinberge sind vornehmlich gen Süden ausgerichtet, die Wälder des Hohen Taunus kreieren eine natürliche Barriere, die den Rheingau vor Regen schützt. Beste Bedingungen für den Riesling, der hier bis zu 85% der Rebflächen einnimmt.

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Hattenheim im Rheingau ist ein besonderes kleines Weinjuwel. Liebevoll gehegte Häuser aus Fachwerk, Kopfsteinpflaster und die einst von Hattenheimer Bürgern in ehrenamtlicher Arbeit restaurierte Burg: pure Tradition. Die Familie Ress ist hier seit Jahrhunderten so fest verwurzelt, wie die alten Fachwerkhäuser.

 Assmanshäuser Höllenberg
Assmannshäuser Höllenberg

1870 gründete Balthasar Ress den Gasthof Ress. Es sollte der Beginn einer gastronomischen Entdeckungsreise sein, aus der sich schliesslich das Weingut Ress entwickelte. Der erste eigene Wein, genannt „Von Unserem“, war ab 1870 zu haben.

Nach dem zweiten Weltkrieg und mit gerade einmal drei Hektaren Land gründete Carl Ress die Balthasar Ress KG. In den nächsten Jahrzehnten wuchs das Familienunternehmen beträchtlich, Weinlagen wie der Hattenheimer Nussbrunnen und Schloss Reichartshausen konnten erworben werden.

Mit Christian Ress hat im Jahre 1999 die fünfte Generation der geschäftstüchtigen Familie die Tätigkeit aufgenommen, seit 2004 ist er Miteigentümer und seit 2010 Geschäftsleiter des mittlerweile fast 50 Hektare umfassenden Weinguts. Der nördlichste Weinberg auf der Insel Sylt, die wineBANK in Hattenheim und werbewirksame Aktionen wie die Versenkung von Weinflaschen in einem See – Ress mangelt es nicht an Ideen, die seinem Weingut willkommene Publicity bescheren.

Viel bedeutender ist jedoch seine Rolle in der Transformation des Rheingaus. Unter Ress und dem von ihm als Betriebsleiter eingesetzten Dirk Würtz machte Balthasar Ress einen tiefgreifenden Wandel durch, der als Impuls für die ganze Region dienen kann.

Rheingau – das Streben nach vergangener Grösse

Unbestreitbar hat der Rheingau in den letzten Jahren eine Imagekrise durchgemacht, immer wieder wird betont, dass die Weine der Region keinen regionalen Herkunftscharakter hätten. Dabei weist der Rheingau eine hohe Dichte an VDP-Betrieben auf, das Potenzial für Qualitätsweine insbesondere der Rebsorte Riesling liegt der Region quasi im Blut.

Tradition ist gut, mangelnder Mut zu Innovation – manche würden sagen Trägheit und Unbeweglichkeit – führten jedoch in den letzten 15 bis 20 Jahren zu einer Krise, die man mit ein paar miesen Jahrgängen nicht erklären kann. Die historisch gewachsenen Strukturen des Rheingau mit renommierten Schlössern und Klosterweingütern haben der Region einst zu Grösse verholfen, um ihr dann zum Verhängnis zu werden. Den grossen Betrieben mangelt es häufig schlicht an Agilität, um den dringend benötigten Wandel einzuleiten.

Viele dieser Betriebe verfügen über einzigartige Lagen. Manch einer würde argumentieren, dass die dort entstandenen Grossen Gewächse selten zu ihrem Potenzial aufleben – und dennoch beeinflussen gerade diese Erzeugnisse entscheidend das Image des Rheingaus, wenn sie im Handel als Spitzenweine verkauft werden.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es keinen Fürstenhof, kein grosses Event, an dem nicht edelsüsse Rieslinge aus dem Rheingau serviert wurden. Mit der Rückkehr zu alten Tugenden ist es jedoch nicht getan, denn mittlerweile ist die Mosel der international bekannte und etablierte Lieferant für hochqualitative Rieslinge mit Restsüsse.

Der Rheingau steht also vor der Aufgabe, sich neu definieren zu müssen. Eine regionale Identität und authentische Weine müssen her, die auch von Aussen klar identifizierbar sind. Balthasar Ress und einige andere haben in den letzten Jahren vorgemacht, dass die Zukunft des Rheingau, der vielbeschworene identitätsstiftende Faktor, trockene Rieslinge der Spitzenklasse sein könnten. Aber das ist noch längst nicht alles, denn was da bei Ress auf dem Weinberg und im Keller vor sich geht, kommt einer kleinen Revolution nahe.

Die Re(ss)volution

Dirk Würtz ist alles andere als ein unbeschriebenes Blatt in der Weinwelt und bei ihm laufen im Hause Ress alle Fäden zusammen. Er ist ein klassischer Quereinsteiger, studierte BWL, Politologie und Philologie, bevor er sich schliesslich gänzlich der Welt des Weins verschrieb.

 Christian Ress
Christian Ress

Würtz arbeitete als Kellermeister für Robert Weil, gründete einen eigenen kleinen Betrieb und arbeitete schliesslich ab 2009 zunächst als Berater und dann als Betriebsleiter für Christian Ress. Nebenbei schreibt er an seinem vielbeachteten Blog, verfasst auch Artikel und Filmbeiträge für die Stern-Weinschule.

Die Ress-Weine und -Weinberge haben in mancherlei Hinsicht eine Reise unternommen – eine Reise in die Vergangenheit, in der man ohne moderne Hilfsmittel und Firlefanz auskommen musste. Die Transformation begann mit der Umstellung auf ökologischen Anbau auf dem Weinberg.

Aber auch im Keller änderte sich einiges, was auch mit der Neugier von Ress und Würtz auf sogenannten Orange Wine zu tun hat. So kommen einige der trocken ausgebauten Ress-Weine beinahe gänzlich ohne Schwefel aus. Um ihnen Stabilität zu geben, werden sie stattdessen lange, mindestens 12 Monate, auf der Vollhefe gelagert.

Damit diese Form des Ausbaus funktioniert, ist perfektes Lesegut die oberste Priorität. Jede einzelne Traube wird während des Selektionsprozesses mehrere Male in Augenschein genommen, um höchste Qualität zu garantieren. Der Most wird natürlich vorgeklärt, die Vergärung selbst erfolgt ohne Zusatz von Reinzuchthefen. Die Weine werden nicht gefiltert oder geschönt und schliesslich wird der Wein, wenn es notwendig ist, minimal geschwefelt.

Das Thema Orange Wine ist in der Weinwelt umstritten – für Dirk Würtz ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch die deutschen Liebhaber das Potenzial der Weine entdecken. Mutig muss man sein, um seinen Betrieb auf diese Art und Weise umzustellen. Aber auch abseits dieser Abenteuer überzeugen die Ress-Weine und bieten dem Liebhaber eine breite Palette an Genusserlebnissen.

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Als fordernd, messerscharf, klar und knochentrocken werden einige der Ress-Weine beschrieben – diese Weine brauchen vielleicht noch Jahre oder sogar Jahrzehnte, um zu reifen. Zeit, die ihnen die notwendige Milde geben und ihre wahre Grösse zum Vorschein treten lassen wird. Andere Weine sind zugänglicher auch in jungem Alter, weisen einen geringen Restzuckergehalt auf, nichtsdestotrotz sind es wahre Charakterweine, deren Aromen sich erst langsam entfalten.

Man darf gespannt sein, was uns Würtz und Ress in den nächsten Jahren noch bieten werden. Eines ist gewiss: Langweilig wird es dabei nicht.

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